Fragen stellen ist ein Zeichen von Interesse und Wachstum

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Ein neues Semester hat wieder begonnen und endlich dürfen die Studenten wieder an die Universitäten. Was hat dich damals motiviert, nach der Schule die Ausbildung zu machen, die du gemacht hast?

Als ich 1997 an der Technischen Universität Ilmenau das Studium der Werkstoffwissenschaft begonnen habe, hatte ich die Illusion, später mal etwas in dieser Richtung zu arbeiten. Es hieß, dass Ingenieure gefragt sind und Werkstoffe überall eine Rolle spielen. Ich gebe zu, überzeugt haben mich eher die bildgebenden Verfahren, die mich etwas näher zu meinem ursprünglichen Traum führten – der Fotografie. Eine Zusatzausbildung als Qualitätsmanager wurde auch hoch beworben und passte sehr gut zu meinem strukturierten Wesen und meinem „Dokumentationsfimmel“.

Nach dem Studium habe ich mich dann relativ spontan für eine Promotion am Tyndall National Institute in Cork entschieden. Komplett raus aus der Komfortzone! Neues Gebiet – Mikrosystemtechnik (also offiziell Mikroelektronik) mit Anwendung in der Medizintechnik (Krebstherapie) – und alles auf Englisch, da in Irland.

Warum erzähle ich das alles hier? Nein, ich suche nicht nach deinem Respekt vor meiner Ausbildung! Ich möchte auf etwas Anderes hinaus.

Mit der Qualifikation habe ich dann meinen „Traumjob“ im Bereich Glas- und Keramiktechnologie gesucht. Jaja, wir Ingenieure werden gebraucht! Damals sah das etwas anders aus. Und doch wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch zu einer Stelle als Qualitätsingenieur für den Einkauf von Keramikpasten eingeladen. Bingo! Passt doch super! Bekommen hat diese Stelle eine andere Person, ohne Ausbildung als Qualitätsmanager oder Keramiktechnologie und ich landete in einem ganz anderen Bereich, der mit meinem Studium recht wenig zu tun hatte.

Meine Versuche, mal einen anderen Weg im Qualitätsmanagement oder in der Mikrosystemtechnik einzuschlagen, haben mir gezeigt, dass im Berufsleben Erfahrungen oft über der Ausbildung stehen.

Seit 3 Jahren bin ich nun in einem anderen Gebiet tätig und lerne aus den Erfahrungen anderer. Als Experte werde ich noch nicht wahrgenommen, weil mir die Erfahrungen fehlen. Selbst in meinem vorhergehenden Arbeitsbereich, indem ich 12 Jahre ein Verfahren betreut und entwickelt habe (ohne jemand anderen fragen zu können), wurde ich nicht als Expertin wahrgenommen. Der Status stand nicht auf meiner „Visitenkarte“ ;-).

Was ich in meinem Ingenieursjob feststelle ist, dass ich mich oft nicht traue, Dinge auszusprechen, die ich hinterfrage, weil mir oft genug das Gefühl vermittelt wird, unerfahren zu sein. Kennst du das? Die Erwartung anderer, dass du all das Wissen schon mitbringst, wenn du eine neue Aufgabe annimmt. Was für ein Irrglaube! Ein großer Teil des Wissens sind doch die Erfahrungen! Sätze, die mich komplett ausbremsen: „Das solltest du aber wissen!“, oder „Das habe ich dir doch vor 3 Jahren schon mal erklärt!“

Ich fotografiere seit meiner Jugend, also seit fast 30 Jahren. Vieles habe ich mir selbst beigebracht und meine Erfahrungen mit der manuellen Bedienung meiner 1. Spiegelreflexkamera gesammelt. Denn so automatisch, wie die Kameras heute die Belichtung steuern, war das früher nicht. Gott sei Dank! Denn es hat mich dazu bewegt, Dinge zu hinterfragen. Warum sehe ich das Bild im Sucher (von oben in die Kamera blickend) seitenverkehrt und auf dem Kopf? Was passiert da in der Kamera? Woher weiß ein Pixel die RGB-Werte von meinem Motiv?

Ich habe keine Ausbildung als Fotografin, aber ich werde als Expertin wahrgenommen. Mein Buch „Der Fotokurs für junge Fotografen“ hat durchaus dazu beigetragen. In diesem Buch habe ich Dinge hinterfragt, die in Büchern der Fotografie oft nur schwer zu finden sind. Warum? Weil Erwachsene Fakten aufnehmen und meinen, sie so zu verstehen. Aber ist das wirklich so? Hast du dich schon mal gefragt, warum Bilder bei wenig Licht verrauscht sind oder Farben im Foto anders wirken? Kinder trauen sich noch nach dem „Warum“ zu fragen. Bei ihnen erwarten wir nicht, dass sie ein gewisses Päckchen an Wissen mitbringen, sondern begeben uns auf Augenhöhe. Jedenfalls ist das meine Erwartung an meine Arbeit. Klar, fange ich ganz einfach an, aber junge Menschen lernen schnell und hängen uns genauso schnell ab.

Frauen wird oft nachgesagt, dass sie kein Gespür für technische Dinge haben. Was für ein Quatsch! Dieser Glaubenssatz hemmt jedoch, einfach nachzufragen, wenn es noch nicht klar ist. Fragen – gefundenes Fressen für die Schublade. Ich finde es schön, wenn mir „Löcher in den Bauch“ gefragt werden, denn das zeigt mir, dass mein Gegenüber Interesse an der Materie hat und offen für technische Dinge ist. Wenn jemand alles weiß, braucht er oder sie meine Erfahrung nicht.

Ich möchte in meinen Kursen das Gefühl vermitteln, dass Fragenstellen erwünscht ist und es völlig ok ist, wenn man bei den Basics anfängt. Technik ist kein Hexenwerk. Es wirkt nur so, wenn man sie falsch rüberbringt. Jeder Mensch hat seine eigenen Talente! Wenn ich meine Erfahrungen teile, dann weiß ich, dass auch ich etwas von dem anderen lernen kann, was auch mein Wissen erweitert.

Dinge in meinen Kursen zu hinterfragen, ist ein Zeichen von Interesse und Wertschätzung meiner Erfahrung! Danke!

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© 2021 All rights Reserved. Design by Nicolle Buttler,
Kinder- und Familienfotografin im Raum Reutlingen und Tübingen, individuelle Fotokurse für Einzelpersonen, Schüler, Familien und kleine Gruppen.
Buchautorin "Der Fotokurs für junge Fotografen" (Rheinwerkverlag).